Aminospiking: Wie manche Hersteller bei Protein tricksen
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Was ist Aminospiking?
Aminospiking ist eine Praxis, bei der Hersteller billige Einzelaminosäuren zu Proteinpulvern hinzufügen, um den deklarierten Proteingehalt künstlich zu erhöhen. Typische “Spiking”-Aminosäuren sind Glycin, Taurin oder Kreatin.
Warum funktioniert das?
Der Proteingehalt wird standardmässig über die Kjeldahl-Methode gemessen. Diese bestimmt den Stickstoffgehalt einer Probe und rechnet ihn auf Protein um. Das Problem: Auch freie Aminosäuren enthalten Stickstoff – werden also mitgezählt, obwohl sie kein vollwertiges Protein darstellen.
Das Resultat: Ein Etikett zeigt beispielsweise 25g Protein pro Portion, aber ein relevanter Teil davon stammt nicht aus der eigentlichen Proteinquelle, sondern aus zugesetzten Einzelaminosäuren.
Warum ist das problematisch?
Unvollständiges Aminosäureprofil
Vollwertiges Protein – egal ob aus pflanzlichen Quellen wie Erbse, Reis oder Hanf, oder aus tierischen Quellen – liefert alle essentiellen Aminosäuren in einem ausgewogenen Verhältnis. Wenn ein Teil des “Proteins” aus reinem Glycin oder Taurin besteht, fehlen andere wichtige Aminosäuren wie Leucin, das entscheidend für die Muskelproteinsynthese ist.
Geringere biologische Wertigkeit
Studien zeigen: Nicht nur die Gesamtmenge an Protein zählt, sondern auch die Qualität. Ein Protein mit unausgewogenem Aminosäureprofil wird vom Körper weniger effizient verwertet.
Täuschung der Konsumenten
Du bezahlst für hochwertiges Protein, erhältst aber eine gestreckte Mischung. Bei einem 1kg-Beutel summiert sich der Unterschied schnell – und damit auch das verlorene Geld.
Gut zu wissen: Dass die Summe aller Aminosäuren auf einem Analysezertifikat etwas tiefer liegt als der deklarierte Gesamtproteingehalt, ist normal. Bei der Aminosäure-Analyse (Hydrolyse) werden einzelne Aminosäuren wie Tryptophan teilweise zerstört. Eine Differenz von 5-15% ist daher kein Anzeichen für Aminospiking. Verdächtig wird es erst, wenn billige Einzelaminosäuren separat in der Zutatenliste auftauchen.
Wie erkennt man Aminospiking?
1. Zutatenliste genau prĂĽfen
Achte auf diese Warnzeichen:
- Glycin als separate Zutat (nicht als Teil eines Proteins)
- Taurin in Proteinpulvern (gehört dort nicht hin)
- L-Glutamin in grossen Mengen
- Kreatin als FĂĽllstoff
Wichtig: In einem hochwertigen Proteinpulver sollte die Zutatenliste kurz sein: Die Proteinquelle (z.B. Erbsenprotein, Reisprotein, Hanfprotein), eventuell natürliche Aromen – fertig.
2. Aminosäureprofil anfordern
Seriöse Hersteller veröffentlichen das vollständige Aminosäureprofil ihrer Produkte. Ein typisches pflanzliches Proteinpulver (z.B. Erbsen-/Reisprotein-Blend) enthält pro 100g Protein:
- Leucin: 7-8g
- Isoleucin: 4-5g
- Valin: 4-5g
- Glutaminsäure: 15-17g
Wenn ein Hersteller kein Aminosäureprofil bereitstellt, ist das ein Warnsignal.
3. Preis als Indikator
Hochwertige Proteinquellen haben einen Marktpreis – das gilt für pflanzliche Proteine genauso wie für tierische. Wenn ein Produkt deutlich günstiger ist als die Konkurrenz bei gleichem deklariertem Proteingehalt, solltest du misstrauisch werden. Billige Einzelaminosäuren kosten einen Bruchteil von echtem Erbsen- oder Reisprotein.
4. Herkunft prĂĽfen
Frage nach: Woher stammt das Protein? Wer produziert den Rohstoff? Gibt es Bio-Zertifizierungen? Transparente Hersteller können diese Fragen beantworten und die Lieferkette offenlegen.
Rechtliche Lage
In der Schweiz
Das Schweizer Lebensmittelrecht (Lebensmittel- und Gebrauchsgegenständeverordnung, LGV) verbietet die Täuschung von Konsumenten. Artikel 12 LGV besagt: Lebensmittel dürfen nicht mit irreführenden Angaben in Verkehr gebracht werden.
Aminospiking bewegt sich in einer Grauzone. Es ist nicht explizit verboten, einzelne Aminosäuren zuzusetzen. Aber wenn der deklarierte “Proteingehalt” suggeriert, dass es sich um vollwertiges Protein handelt, kann das als Täuschung gewertet werden.
In der EU
Die EU-Verordnung 1169/2011 zur Lebensmittelinformation fordert ebenfalls eine korrekte und nicht irrefĂĽhrende Kennzeichnung. Die Praxis wird von VerbraucherschĂĽtzern kritisiert, ist aber schwer nachzuweisen.
Was zeichnet ein hochwertiges Protein aus?
- Transparentes Aminosäureprofil – Der Hersteller veröffentlicht die genaue Zusammensetzung
- Kurze Zutatenliste – Proteinquelle, eventuell natürliche Aromen – mehr braucht es nicht
- Nachvollziehbare Herkunft – Klare Angaben zur Proteinquelle und Lieferkette
- Realistischer Preis – Qualität hat ihren Preis
- Zertifizierungen – Bio-Siegel, Laboranalysen oder unabhängige Tests von Dritten
Fazit
Aminospiking ist eine Praxis, die Konsumenten um ihr Geld bringt und die Wirksamkeit von Proteinprodukten mindert. Mit einem kritischen Blick auf die Zutatenliste, dem Vergleich von Aminosäureprofilen und einer gesunden Skepsis gegenüber Billigangeboten kannst du dich schützen.
Achte auf Transparenz: Ein Hersteller, der nichts zu verbergen hat, zeigt dir genau, was in seinem Produkt steckt.
Quellen:
- Rutherfurd SM & Moughan PJ (2012). Available versus digestible dietary amino acids. British Journal of Nutrition, 108(S2), S298-S305.
- Moore DR (2019). Maximizing Post-exercise Anabolism: The Case for Relative Protein Intakes. Frontiers in Nutrition, 6, 147.
- EU Verordnung 1169/2011 zur Information der Verbraucher ĂĽber Lebensmittel.
- Schweizerische Lebensmittel- und Gebrauchsgegenständeverordnung (LGV), Art. 12.
Hinweis
Die Informationen auf dieser Seite dienen ausschliesslich zu Bildungszwecken und ersetzen keine medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen konsultiere bitte eine Fachperson.